Die gegenwärtige Wirtschaftskrise lässt sich nicht einfach mit billigem Geld und mehr Staatsausgaben bekämpfen

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Muenstersche Zeitung

Die Währungs- und Fiskalbehörden scheinen zusammen mit nicht wenigen Finanzmarktinvestoren der Ansicht zu sein, dass die derzeitigen Maßnahmen lediglich ein Remake der nach der Krise von 2008 verabschiedeten Maßnahmen seien und dass auch diesmal keine signifikante Preisinflation daraus resultieren würde. Es wäre aber sowohl für politische Entscheidungsträger als auch für Investoren katastrophal, den Unterschied zwischen 2008 und 2020 zu ignorieren.

Wiederkehr der Stagflation?

Im Zuge der Finanzkrise von 2008 hat die amerikanische Notenbank ihre Geldmenge stark erhöht und nunmehr ihre Aktiva auf über sieben tausend Milliarden angehoben, während die Staatsverschuldung mit über fünfundzwanzig Milliarden die Höhe des amerikanischen Sozialprodukts schon überschritten hat (Abb. 1).

Abbildung 1: US-Staatsverschuldung und Geldschöpfung der US-Zentralbank

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US-Staatsverschuldung (blau Skala links) und Bilanz der US-Notenbank (schwarz — Skala rechts), Quelle

Nach 2008 entstand keine deutlichere Preisinflation, da das neu geschaffene Geld weitgehend im Finanzsektor verblieb. Die gegenwärtige Situation ähnelt jedoch eher dem Schlag, der 1973 vom Ölpreisschock ausging. Zu dieser Zeit führten die Bemühungen, die Wirtschaft durch fiskalische und geldpolitische Expansion anzukurbeln, zu einer anhaltenden Stagflation.

Damals wurde zusammen mit der „Stagflation“ der Begriff „Slumpflation“ geprägt, um eine Wirtschaft zu kennzeichnen, die einen tiefen Einbruch der Wirtschaft (“slump”) erfährt und unter starker “Inflation” der Preise leidet. Jetzt könnte eine Stagflation Plus“ bevorstehen. Eine Wirtschaftspolitik nach keynesianischem Muster von leichtem Geld und höheren Staatsausgaben wäre dann nicht nur unwirksam, sondern höchst schädlich.

Wenn Stagnation und Rezession zusammen mit einer Preisinflation auftreten, hat die makroökonomische Ankurbelungspolitik keinen Ansatzpunkt mehr. Mehr Staatsausgaben und mehr billiges Geld würden dem durch die Pandemie selbst und den Lockdown bereits geschwächten Wirtschaftsleben einen weiteren Schlag versetzen. Die als Heilung verstandene Politik würde statt Wachstum und mehr Beschäftigung eine lahmende Konjunktur mit Preisinflation bewirken.

Zusätzliche Staatsausgaben und eine monetäre Expansion werden den Privatsektor nicht stimulieren, wenn die Wirtschaft durch die allgegenwärtige Notwendigkeit herausgefordert wird, sich an eine stark gewandelte Situation anzupassen.

Das Problem liegt auf der mikroökonomischen Ebene. 2020 ist dann nicht die Stunde der makroökonomischen Politik, sondern die des unternehmerischen Handelns. Die Kapitalstruktur an die sich ändernden Angebots- und Nachfragemuster anzupassen, ist kein makroökonomisches Problem, sondern muss unternehmerisch gelöst werden.

Lockdown betrifft die Realwirtschaft

Der Haupteffekt der Niedrigzinspolitik bestand bis Anfang dieses Jahres darin, den Aktienmarkt und die Immobilienpreise hochzutreiben. Der Unterschied zwischen 2008 und 2020 ist, dass die Folgen des Lockdowns die Realwirtschaft betreffen. Die Arbeitslosigkeit wird wahrscheinlich lange bestehen bleiben. Die Krise von 2008 hat die Kapitalstruktur der Realwirtschaft intakt gelassen. Im Jahr 2020 ist dies nicht der Fall.

Die Krise von 2008 zerstörte nicht das reale, sondern das Finanzkapital, und die Zentralbank heilte diese Verluste durch die Schaffung einer massiven Menge an Liquidität. Diesmal schrumpft jedoch die Realwirtschaft, und das Realkapital wird zerstört.

Der Lockdown hat einige wenige Sektoren begünstigt, während die meisten anderen Teile der Wirtschaft darunter leiden werden, insbesondere arbeitsintensive Bereiche wie das Restaurantgeschäft und der Tourismus. Aufgrund dessen wird die Arbeitslosigkeit anhalten und die makroökonomische Politik muss scheitern.

Angesichts der durcheinander geratenen globalen Lieferketten und des zunehmenden nationalen Protektionismus ist auch die Hilfe, die der internationale Handel nach der Krise von 2008 geleistet hat, nicht mehr vorhanden. Der Lockdown hat das globale System der Lieferketten, das in der Vergangenheit eine wichtige Quelle für niedrige Preise war, stark in Mitleidenschaft gezogen.

Mit dem Bruch des Handels mit China, der nicht nur die Vereinigten Staaten betrifft, werden auch die Auswirkungen billiger Waren aus Übersee, die die globale Preisinflation über lange Zeit gedämpft haben, nachlassen. Eine der Folgen einer stärkeren nationalen Eigenproduktion anstelle eines globalen Freihandels werden höhere Produktionskosten sein.

Eines Tages wird die angesammelte Liquidität zu einer Preisinflation führen — kein Damm hält für immer einem Dauerregen stand. Regierungschefs und Zentralbanker begehen ähnliche Fehler wie in den 1970er Jahren als die expansive Wirtschaftspolitik die Stagflation vertiefte und verlängerte.

Viele Volkswirtschaften auf der ganzen Welt stehen nicht vor einem „Abflachen“, sondern vor einem Einbruch bei ihrer Wirtschaftsaktivität und die Preisinflation wartet nur darauf, sich über die Volkswirtschaften wie ein Tsunami zu ergießen. Anstelle von „Stagflation ligth“ sollte man sich eher auf eine „Stagflation Plus“ einstellen, eine Konstellation, für die man in den 1970er Jahren den Ausdruck „slumpflation“ geprägt hatte, wonach ein starker Wirtschaftseinbruch („slump“) zusammen mit einer Preisinflation auftritt.

Schluss

Der Ritt auf dem Rücken des Tigers geht weiter. Bereits bevor es zur gegenwärtigen Wirtschaftskrise aufgrund des Lockdowns gekommen ist, hatten sowohl die amerikanische wie die Europäische Zentralbank schon expansive geldpolitische Maßnahmen angekündigt. Jetzt soll nochmal nachgelegt werden. Was dabei herauskommt, zeichnet sich bereits ab. Zur Rezession dürfte, über kurz oder lang, noch die Preisinflation dazu kommen.

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Dieser Text ist die gekürzte Fassung eines Artikels, der am 22. Juni unter dem Titel „Wirtschaftskrise: 2020 ist nicht 2008“ beim Mises Institut Deutschland erschienen ist. LINK: https://www.misesde.org/2020/06/wirtschaftskrise-2020-ist-nicht-2008/

Weitere Artikel zum Thema bei Mises Deutschland finden Sie hier: https://www.misesde.org/2011/04/mueller-antony-p/

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