„Marx hätte seine helle Freude an den heutigen Verhältnissen“

Interview von Malte Fischer vom 09. November 2019 mit dem Ökonomieprofessor Antony Mueller über den Herrschaftsanspruch des Marxismus, seine heutige Erscheinungsform und seine zersetzende Wirkung auf Bürgertum, Kapitalismus, Markt und Freiheit.

Professor Mueller, der Fall der Berliner Mauer vor 30 Jahren war eine historische, politische und ökonomische Zäsur. Damals platzten die Hoffnungen der Marxisten, den Kapitalismus zu besiegen. Was ist vom Marxismus heute noch übrig?
Wir sollten die Wirkmächtigkeit der marxistischen Ideen nicht unterschätzen. Dass die DDR und die Sowjetunion gescheitert sind, heißt nicht, dass der Marxismus und seine Vertreter den Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft und den Kapitalismus aufgegeben haben.

Marxisten gibt es doch nur noch in Nordkorea, Kuba und Venezuela.
In der Öffentlichkeit wird der Marxismus meist mit revolutionären Bewegungen wie denen von Lenin, Mao, Castro oder Chavez in Verbindung gebracht. Doch der revolutionäre Marxismus ist nur eine Spielart des Marxismus…

…die krachend gescheitert ist.
Der revolutionäre Marxismus hat auf die Arbeiter gesetzt. Durch den Aufstand des Proletariats sollte das Privateigentum in die Hände des Staates überführt werden. Doch die Proletarier hatten kein Interesse an einem Umsturz der Verhältnisse. Sie wollten sichere Jobs und steigende Löhne. Deshalb konnte sich der revolutionäre Marxismus nur mit Gewalt durchsetzen, in vielen Ländern hinderten die Marxisten die Menschen an der Ausreise, so wie in der DDR. Aber es gibt noch eine andere, erfolgreichere Spielart des Marxismus.

Welche?
Den Kulturmarxismus. Er setzt nicht auf Revolutionen, sondern auf Reformen. Seine Adressaten sind nicht die Arbeiter, sondern die Intellektuellen. Marx war selbst ein Intellektueller, kein Arbeiterführer. In seinen Thesen zu Feuerbach schrieb er: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern“. Es sind die Philosophen, die Intellektuellen, denen Marx die Aufgabe zuweist, die Welt zu ändern. Der wichtigste Vordenker des Kulturmarxismus war Antonio Gramsci.

Sie meinen den Philosophen und Mitgründer der Kommunistischen Partei Italiens?
Ja, Gramsci lebte von 1891 bis 1937. Seine Strategie war, die Intellektuellen für den Marxismus zu gewinnen und mit ihrer Hilfe die Kultur und die Institutionen des Bürgertums, die Schulen, Universitäten, Kirchen, das Rechtssystem und die Medien zu unterwandern. So sollte der Marxismus die ideologische Hegemonie gewinnen. Gramsci betrachtete den Sozialismus als „genau die Religion, die das Christentum überwinden muss“. Er hatte erkannt, dass jede Gesellschaft einen ideologischen Stützpfeiler benötigt. In der bürgerlichen Gesellschaft des Westens ist das traditionell das Christentum. Gramsci wollte es durch den Sozialismus ersetzen und so die bürgerliche Gesellschaft zerstören.

Gramsci ist längst tot.
Aber seine Ideen leben. In den 1960er Jahren bauten die marxistischen Philosophen und Soziologen der Frankfurter Schule, Theodor Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse und Jürgen Habermas auf Gramscis Ideen auf. Die von der Frankfurter Schule entwickelte Kritische Theorie zielt darauf ab, das kapitalistische System von A bis Z zu kritisieren, den Kapitalismus schlechtzureden und dessen Erfolge ins Negative zu wenden. Beispielsweise werden die ungeheuren Konsummöglichkeiten der Menschen zum Konsumterror umgedeutet. Durch solch negative Konnotationen und die permanente Kritik an den bestehenden Verhältnissen soll das Vertrauen der Menschen in das kapitalistische System untergraben werden. Die Ideen der Frankfurter Schule sind bis heute wirkmächtig, nicht nur in Europa.

Wo sonst noch?
In den USA zum Beispiel. Dort gibt es die Bewegung der Democratic Socialists of America. Ihre Galionsfiguren, der Altkommunist Bernie Sanders und die Aktivistin Alexandria Ocasio-Cortez, erfreuen sich enormer Popularität. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis diese Bewegung auch nach Europa überschwappt und hier an Bedeutung gewinnt. Der Marxismus kommt heute nicht mehr in Armeestiefeln daher, sondern auf Samtpfoten.

Diskurshoheit der Kulturmarxisten

Unter Ökonomen hat der Marxismus kaum Anhänger.
Die Mehrheit der Ökonomen versteht sich heute als Sozialingenieure. Weil sie dem Markt nicht trauen, wollen sie ihn einhegen, ausbremsen und seine Ergebnisse korrigieren. Ordnungspolitisches Denken hat dagegen Seltenheitswert. Waren Sie schon einmal an der LSE, der London School of Economics, einer der renommiertesten Universitäten der Welt?

Nein.
Die LSE wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Mitgliedern der Fabian Society, einer Vereinigung sozialistischer Intellektueller aus der britischen Oberschicht, gegründet. Ein Bleiglasfenster im Gebäude der LSE zeigt zwei Männer, wie sie die über einem Feuer erhitzte Erdkugel mit Hämmern bearbeiten. Einer der Männer ist der Dramatiker und Marxist George Bernard Shaw, ein Mitglied der Fabian Society und Mitgründer der LSE. Das Fensterbild symbolisiert die Strategie der Kulturmarxisten. Sie wollen die Welt durch das Feuer von Krisen erweichen, um sie sodann in ihrem Sinne umzugestalten.

Das hört sich nach Verschwörungstheorie an.
Ist es aber nicht. Nehmen Sie die Diskussionen um die Klimarettung oder die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen. Da werden gezielt Hysterien verbreitet und dystopische Szenarien entworfen, um daraus einen sofortigen Handlungsbedarf für die Politik abzuleiten. Die Forderungen der Alarmisten laufen immerzu darauf hinaus, den Markt, das Privateigentum und die Freiheit der Menschen einzuschränken und durch zentrale staatliche Planung zu ersetzen. Das Klimathema eignet sich besonders gut dafür, weil das Klima ein globales Phänomen ist. Es bietet den Kulturmarxisten die Möglichkeit, unter dem Deckmantel des Klimaschutzes den Kapitalismus auf globaler Ebene zu bekämpfen.

Noch hat der Marxismus die Gesellschaft nicht erobert.
Aber er ist sehr weit vorangekommen. Lesen Sie das kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels aus dem Jahr 1848 und vergleichen Sie die Forderungen, die Marx und Engels dort erheben, mit der heutigen Realität. Dann erkennen Sie, wie weit der Marxismus schon vorangeschritten ist. Marx fordert in seinem Manifest, das Privateigentum, die Familie und die Nationalität aufzuheben. Das Bildungssystems und das Geldwesen will er verstaatlichen. Sähe Marx, wie heutzutage das Privateigentum etwa in der Wohnungspolitik faktisch außer Kraft gesetzt, der Zins staatlich dekretiert und die Diskussion um nationale Identitäten als reaktionäres Gedankengut beschimpft werden, er hätte seine helle Freude daran.

Warum leistet das Bürgertum keinen Widerstand?
Das Bürgertum ist durch die Diskurshoheit der Kulturmarxisten eingeschüchtert, ideell entkernt und materiell sediert. Seine wichtigsten Institutionen, die Religion, die Kirche, die Familien, sind geschwächt oder haben sich dem neomarxistischen Zeitgeist angepasst. Der Kulturmarxismus hat das bürgerliche Bollwerk geschliffen. Marx glaubte, das Sein bestimme das Bewusstsein. Die Kulturmarxisten haben erkannt, dass Sein und Bewusstsein interdependent sind. Haben sich marxistische Ideen erst einmal im Bewusstsein der Menschen festgesetzt, ändert sich dadurch früher oder später auch das Sein, also die realen Produktionsverhältnisse. Die veränderten Fakten wiederum verändern das Bewusstsein, das Denken der Menschen.

Können Sie das konkretisieren?
Wenn den Menschen beispielsweise immerzu erzählt wird, das Privateigentum an Mietwohnungen sei ein Instrument der Ausbeutung, lassen sich politische Maßnahmen gegen Vermieter leichter durchsetzen. Dann übernimmt der Staat den Bau von Wohnungen und irgendwann haben sich die Menschen so sehr daran gewöhnt, dass sie glauben, Wohnraum zu schaffen sei eine Aufgabe des Staates. So wie die Mehrheit heute glaubt, das Geldwesen gehöre in die Hände des Staates. Wer sich gegen den Kulturmarxismus wendet, hat es schwer. Die ideologische Hegemonie hat den Marxisten die Deutungshoheit über das Sagbare verschafft. Wer aus dem engen Korridor der politischen Korrektheit ausbricht, wird als Rechter oder Reaktionär verunglimpft und im schlimmsten Fall sozial vernichtet.

Erstmals veröffentlicht in der Wirtschaftswoche am 9. Oktober 2019

Written by

Dr. Antony P. Mueller is a German professor of economics who currently teaches in Brazil. See his website: http://continentaleconomics.com/

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